Brücken bauen

Die Donau verbindet Europa: Auf ihren rund 2.900 Kilometern fließt sie durch zehn Länder. Über das Programm Perspektive Donau bringt die Baden-Württemberg Stiftung die Menschen miteinander in Verbindung, die in den Anrainerstaaten leben – und sich für nachhaltige Projekte in Bildung, Kultur und Zivilgesellschaft einsetzen. Fünf Beispiele.

Isabel Stettin

Foto: Gutu

Serbien: Ein Ort des Neuanfangs

Am Rand der serbischen Hauptstadt Belgrad stärkt das Mütterzentrum Aurora Mine Frauen – und ermächtigt sie dazu, sich selbst zu helfen.

Am Rand der serbischen Hauptstadt Belgrad stärkt das Mütterzentrum Aurora Mine Frauen – und ermächtigt sie dazu, sich selbst zu helfen. Eine Stunde Zeit mit anderen Frauen, Zeit für sich selbst – das bedeutet Sandra alles. Im Roma-Mütterzentrum Aurora Mine kann sie einmal in der Woche „durchatmen“, erzählt sie. Aurora heißt Morgenröte. Für die rund hundert Frauen, die in diesem Zentrum am Rande von Belgrad ein- und ausgehen, ist Aurora tatsächlich ein Ort des Neuanfangs.

Die Roma stellen rund zwei Prozent der Bevölkerung in Serbien. Fast die Hälfte lebt in Siedlungen ohne Strom, Wasser und Kanalisation. Nur jede oder jeder Fünfte hat eine feste Arbeitsstelle. Der Zugang zu Bildung und Gesundheitsdiensten ist stark eingeschränkt. Sandras Familie besteht aus elf Personen, sie teilen sich ein kleines Zimmer.

Im Mütterzentrum gibt es eine Küche, eine Spielecke für die Kinder, ein paar Tische, Nähmaschinen. Sandra, heute 27 Jahre alt und Mutter von drei Kindern, erinnert sich noch genau an ihren ersten Besuch vor sieben Jahren. Damals hatte sie keine Zukunftsperspektive. Heute erzählt sie stolz von ihrem Job als Reinigungskraft im Krankenhaus.

Bei Aurora hat sie gelernt, ihre Zukunft selbst in die Hand zu nehmen. Jelena Brkic, die Gründerin des Zentrums, weiß, wie wichtig ein Netzwerk von Frauen sein kann: „Es ist die Solidarität, die uns stark macht.“ 2015 war Brkic mit ihrer Familie nach Deutschland geflohen. Im Mütterzentrum im Generationenhaus Heslach (MüZe Süd) in Stuttgart erfuhr sie wertvolle Unterstützung. 2016 kehrte die Roma-Frau mit ihrer Familie freiwillig nach Serbien zurück, nachdem ihr Asylantrag abgelehnt worden war. Unterstützt von Andrea Laux, Vorstandsvorsitzende von mine e. V., einem internationalen Mütternetzwerk für Empowerment, und der ehrenamtlichen Integrationshelferin Heide Soldner gründete Brkic in ihrer Heimat ein Mütterzentrum nach deutschem Vorbild. Die Baden-Württemberg Stiftung fördert das Projekt.

Im Mütterzentrum gibt es Vorträge zur Gesundheitsvorsorge, die Frauen sprechen offen über häusliche Gewalt oder Kindererziehung. Und sie verdienen mit Näharbeiten ein kleines Einkommen. „Das Besondere ist, dass die Frauen alles selbst machen und sich selbst organisieren“, erklärt Andrea Laux. Sandra hat keinen Schulabschluss, aber im Zentrum hat sie gelernt, wie sie die Lebensbedingungen für ihre Familie verbessern kann. Es geht im Mütterzentrum nicht nur um kurzfristige Hilfe, sondern um dauerhafte Veränderung.

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Bulgarien: Umfassendes Bildungsnetzwerk

Die Danube-Networkers fördern im Donauraum den Dialog zwischen den Generationen. Über eine digitale Plattform lernen Menschen von- und miteinander.

„Wenn Europa nicht zu den Menschen kommt, müssen wir Europa eben zu den Menschen bringen“, sagt Carmen Stadelhofer. Sie ist Mitgründerin und Vorsitzende des Ulmer Vereins ILEU, der über 100 zivilgesellschaftliche Vereinigungen im Bildungsnetzwerk Danube-Networkers koordiniert. Vielen Menschen aus ärmeren Regionen des Donauraums fehlt das Geld, um zu reisen. Besonders ältere Menschen sprechen zudem oft kein Englisch. „Durch unser Angebot wollen wir Europa für alle greifbar machen und die einbeziehen, die Sprachbarrieren zu überwinden haben“, erklärt Stadelhofer.

Die Danube-Networkers bauen Brücken zwischen den Kulturen. Sie nutzen dafür digitale Begegnungsräume. Die multifunktionale Online- Plattform ViMA danube (ViMA steht für: Virtuell. Mitmachen. Aktiv) bringt Menschen aus dem Donauraum unter www.vima-danube.eu zusammen, kombiniert mit Online- Treffen auf danect.eu. Sie diskutieren über ihren Alltag und über Demokratie, es gibt digitale Kochgruppen, Literaturzirkel und vieles mehr. „Ich erinnere mich an bewegende Sitzungen, wo wir zusammen gesungen haben oder die Menschenrechte in verschiedenen Sprachen gelesen haben“, sagt Stadelhofer. Englisch ist die Brückensprache, der Online-Austausch bei ViMA erfolgt mithilfe von Künstlicher Intelligenz simultan in 13 weiteren Sprachen wie etwa Rumänisch, Serbisch oder Bulgarisch.

„Es war anfangs herausfordernd, den Älteren näherzubringen, wie sie digitale Plattformen nutzen können“, sagt Emilia Velikova, Professorin an der University of Ruse in Bulgarien. Sie arbeitet ehrenamtlich seit Jahren eng mit den Danube-Networkers zusammen und betreut das Angebot in Bulgarien. „In unserer Gesellschaft ist das Prinzip des lebenslangen Lernens kaum verankert“, erklärt sie. „Für ältere Menschen fehlen Angebote gänzlich.“

Um möglichst viele Menschen zu erreichen, streut das Team von ViMA danube die Einladungen zu den Online-Treffen über Stadtbibliotheken, Universitäten, Kulturvereine, Schulen und über Organisationen wie das Rote Kreuz. Jung und Alt sollen miteinander ins Gespräch kommen und voneinander lernen.

 

Foto: Gutu

Rumänien: Grenzenlose Freundschaft

Das internationale Donaujugendcamp bringt im Rahmen des Internationalen Donaufestes alle zwei Jahre junge Menschen aus den Donauländern in Ulm zusammen, zuletzt 2024.

Bogdan Iatan, 17, lebt in der rumänischenHauptstadt Bukarest und besucht ein zweisprachiges Gymnasium. Seine Freundin Klarissza Kapitány, 18, kommt aus einem ungarischen Dorf direkt an der Donau. Sie trafen sich 2024 beim Donaujugendcamp in Ulm zum ersten Mal. „Ich habe dort Freunde aus unterschiedlichsten Ländern gefunden, was in der heutigen Welt der größte Schatz ist“, sagt Klarissza. Bogdan und sie lernen seit Jahren Deutsch, wie die meisten Teilnehmenden. Es ist ihre gemeinsame Camp-Sprache. „Die Woche in Ulm hat mir gezeigt, dass Schülerinnen und Schüler aus so vielen verschiedenen Ländern vieles gemeinsam haben und zusammen etwas gestalten können“, sagt Bogdan. Aus elf Ländern reisten die Jugendlichen 2024 an, von Rumänien über Ungarn bis hin zu den Staaten des ehemaligen Jugoslawiens. Unter dem Motto „Europa sind wir“ diskutierten die jungen Menschen über die Demokratie, sie standen miteinander auf der Bühne, tanzten, musizierten, schrieben ein Theaterstück.

Manche der Jugendlichen kämen zunächst mit Vorurteilen, falschen Vorstellungen und fehlendem Verständnis füreinander, beobachtet Swantje Volkmann. Sie ist Kulturreferentin für den Donauraum am Donauschwäbischen Zentralmuseum Ulm und organisiert das Jugendtreffen zusammen mit einem Team von ehemaligen Teilnehmenden und Lehrkräften. „Unser erstes Camp, das 2008 stattfand, war noch geprägt von den Nachwehen des Balkankriegs“, sagt Volkmann und erinnert sich an ein Mädchen aus Kroatien, das erzählte: „Die Erwachsenen sagen immerzu, wen ich alles hassen muss.“ Doch sobald sich die Jugendlichen kennenlernen, zähle nur der Mensch.

Für Volkmann ist der Donauraum mit seinen verschiedenen Sprachen, Religionen und Kulturen, verbunden durch den Fluss, eine in der Vielfalt gewachsene Selbstverständlichkeit. Der Austausch hilft den Jugendlichen, diese Verbindung selbst zu erleben. Die schönste Bestätigung für Volkmanns Engagement sind die Rückmeldungen der Jugendlichen. „Das Camp ist vielleicht das Beste, was jungen Menschen wie uns passieren kann“, sagt Bogdan. „Dieses Miteinander, diese Schönheit der Multikulturalität gibt mir Hoffnung, dass Demokratie und Frieden noch eine Chance haben.“

Foto: Bancu

Republik Moldau: Bildung im Kampf gegen Armut

In der Republik Moldau setzt die Hilfsorganisation CONCORDIA auf Bildung im Kampf gegen Armut. Das Zentrum in Lăpușna gibt den Menschen vor Ort Hoffnung.

Regelmäßig reist Galina Markschläger in die Republik Moldau, eines der ärmsten Länder in Europa. Sie leitet die CONCORDIA Sozialprojekte Stiftung mit Sitz in Stuttgart und weiß um die Herausforderungen des kleinen Landes. Rund 2,4 Millionen Menschen leben dort, 37 Prozent aller Haushalte mit drei oder mehr Kindern sind von Armut betroffen. Die Nachwehen der Corona-Pandemie, der Krieg in der angrenzenden Ukraine und die Energiekrise setzen den Einwohnern zu. Zudem sind noch etwa 135.000 ukrainische Geflüchtete vor Ort. Kein Land hat im Verhältnis zur Bevölkerungszahl so viele Menschen aufgenommen. Die Inflation ist hoch, besonders die Preise für Lebensmittel sind stark gestiegen. Korruption ist weit verbreitet, der Einfluss Russlands hoch.

CONCORDIA betreibt 44 Einrichtungen in Moldau. Die Arbeit des Zentrums in Lăpușna, einem Ort mit rund 5.600 Einwohnern, wird seit 2023 von der Baden-Württemberg Stiftung unterstützt. „Die Förderung ermöglicht es uns, die Lebensqualität vieler Familien hier zu verbessern“, erzählt Projektleiter Vadim Tarna. Kranke und Ältere bekommen Pflege, Familien erhalten Sozialberatung und ein warmes Mittagessen, junge Mütter werden bei der Erziehung unterstützt. Darüber hinaus schafft das Zentrum Arbeitsplätze, um die Abwanderung der erwerbsfähigen jungen Menschen zu vermindern und den Ort langfristig zu stärken. Kein anderes Land in Osteuropa ist stärker von Arbeitsemigration betroffen. Fast ein Drittel der Bevölkerung lebt im Ausland.

„Die Kinder und Jugendlichen in unseren Projekten sind mit einer Armut konfrontiert, die sich über Generationen in ihren Familien festgesetzt hat“, erklärt Galina Markschläger. „Das bedeutet nicht nur materielle Entbehrungen, sondern auch schlechte Gesundheit und wenig kulturelle Teilhabe.“ Die CONCORDIA bietet Hausaufgabenbetreuung an und unterstützt beim Nachholen von Schulabschlüssen und beim Übergang von der Schule ins Berufsleben. Was es für die Republik Moldau vor allem braucht? „Einen verbesserten Zugang zu Sozialleistungen für die gefährdete Bevölkerung und den politischen Willen, die Strukturen aufzubrechen, die Armut aufrechterhalten“, betont Markschläger.

Foto: Kaufmann

Ukraine: Hoffnung für geflüchtete Frauen

Der Verein ABLE e. V. vernetzt Ukrainerinnen in Deutschland und hilft ihnen, ihre Sprachkenntnisse zu verbessern und ihre beruflichen Perspektiven zu erweitern.

Vor drei Jahren floh Yuliia Novikova mit ihrer heute elfjährigen Tochter vor dem Krieg, der ihr Zuhause zerstörte. Jeden Tag bangt die Ukrainerin um ihren Mann. Mit ihrer Tochter lebt sie heute in Herrenberg. In der Ukraine war Yuliia Novikova als ITAnalystin erfolgreich, Arbeitssprache: Englisch. Im Südwesten konnte sie noch keinen Job finden: „Trotz Sprachkursen ist mein Deutsch nicht ausreichend.“ Während ihre Tochter mühelos Deutsch lernte und heute das Gymnasium besucht, fühlte sie sich gehemmt. „Im Kopf konnte ich Sätze bilden, doch ausgesprochen klang alles falsch.“

Umso glücklicher war die 38-Jährige, als sie auf die Angebote des Vereins ABLE stieß, der Name steht für: Act, build, lead, engage – handeln, aufbauen, führen, sich engagieren. Gegründet von sieben Ukrainerinnen, vernetzt der Verein Geflüchtete mit Frauen aus der Ukraine, die schon länger in Deutschland sind. Eine von ihnen ist Natalia Pokhyliuk, die Vereinsvorsitzende. In Kyjiw hat die Lehrerin und Sozialarbeiterin, die seit neun Jahren in Baden-Württemberg lebt, Deutsch als Fremdsprache studiert. Heute ist sie in der Erwachsenenbildung tätig: „Ich kam nach Deutschland, weil es mein Wunsch war“, sagt sie. „Die geflüchteten Frauen waren gezwungen, ihr Land zu verlassen, sie sind traumatisiert, entwurzelt. Viele hoffen auf eine schnelle Rückkehr.“

Der Angriffskrieg auf die Ukraine ließ das Interesse am kleinen Verein sprunghaft ansteigen. Plötzlich gab es 12.000 Follower bei Instagram. Mit dem Projekt „UA-Women Power Network“ bot ABLE schnell Jobtrainings an, um die Frauen auf dem Weg in den deutschen Arbeitsmarkt zu begleiten. Das virtuelle Sprachcafé LinguaClub half beim Deutschlernen. Die Frauen konnten sich vernetzen, gegenseitig stärken, gemeinsam Unsicherheiten überwinden. Beide Projekte wurden von der Baden-Württemberg Stiftung gefördert.

Was die Vereinsvorsitzende Natalia Pokhyliuk besonders freut: „Viele der geflüchteten Frauen habe nicht nur Deutsch gelernt, sondern engagierten sich auch ehrenamtlich bei uns.“ Yuliia Novikova etwa koordinierte Anmeldungen, Kommunikation und Support-Gruppen: „Es gab mir Motivation, einen Sinn.“ Mittlerweile hat sie die Deutschprüfung auf B2-Niveau bestanden und hofft, bald eine Arbeit zu finden.