Demokratie stärken

Cyberattacken, Desinformationskampagnen, Deepfakes: Künstliche Intelligenz (KI) kann zur Gefahr für die Demokratie werden. Rund 100 kluge Köpfe aus Politik, Wissenschaft, Technik und Kommunikation haben sich in Berlin zum ersten Politechathon Deutschlands getroffen, um Lösungen zu erarbeiten – und mit Technologie die Demokratie zu stärken.

Anna Patazcek

Was ist denn da los? Das Regierungsviertel in Berlin, ein Samstagmorgen Mitte Dezember. In der Landesvertretung Baden-Württemberg, der „Botschaft“ des Südwestens im Bund, qualmen die Köpfe. Dort, wo sonst Politiker, Diplomatinnen und Beamte das Bild bestimmen, herrscht Seminaratmosphäre wie an der Uni. Die rund 100 Menschen, die für ein Wochenende aus dem gesamten deutschsprachigen Raum und aus europäischen Nachbarländern hier zusammengekommen sind, haben Innovatives vor. Sie setzen digitale Tools und KI für die Demokratie ein. Nicht gegen sie. Im Team, kreativ, interdisziplinär. Sie alle sind Teil eines Experiments: Deutschlands erster Politechathon ist in vollem Gange. Wie kann KI eingesetzt werden, um Demokratie zu stärken? Fragen wie diese treiben die Teams um, die jeweils bunt zusammengewürfelt sind: Data-Scientists, Fotografinnen, Kommunalpolitiker, Programmierer und Coderinnen, Strategie- und PR-Berater, Naturwissenschaftler, Kommunikationsexpertinnen und Tech-Nerds bringen ihr Know-how zusammen. „Wir wollen zeigen, wie man KI sinnvoll nutzen kann“, sagt Nadja Masri, freie Bildredakteurin, Beraterin und Dozentin für Fotografie in Berlin und New York. „Und an Lösungen arbeiten, nicht lamentieren“, betont Software-Ingenieur und KI-Experte Tarek Madany Mamlouk.

Foto: Heekeren

Weil es genau so eine Veranstaltung noch nie gab, ist auch der Titel eine Wortneuschöpfung, eine Zusammensetzung aus Politik, Technologie – und Hackathon, einer Art Programmierwettbewerb. Das Besondere: Weniger als 48 Stunden haben die Teams Zeit, ihre Ideen zu entwickeln und zu präsentieren. Am Sonntag kürt eine Jury die drei überzeugendsten Projekte. Preisgeld: 15.000 Euro – und eine Einladung in das Programm KI-Garage  der Baden-Württemberg Stiftung, die den Wettbewerb in Zusammenarbeit mit der Wirkungsallianz AI4 Democracy veranstaltet. Über die KI-Garage sollen die Siegerideen weiter gefördert werden. „Wir hoffen, Kooperationen wachsen zu lassen, die größer sind als das, was in den einzelnen Köpfen drin ist“, sagt Theresia Bauer, Geschäftsführerin der Baden-Württemberg Stiftung.

Foto: Heekeren
Foto: Heekeren

Drehbuch für Innovationen

 

Samstagmittag. Die zehn Teams sind, verteilt auf die Besprechungsräume der Landesvertretung, in ihre Arbeit vertieft. Laptops und Smartphones liegen auf den Tischen, in der Mitte knubbeln sich die Kabel und Mehrfachsteckdosen. Die Gruppe um Benjamin Steinvorth und Caya Hotstegs vom Ulmer Softwareunternehmen YOUniquehorns diskutiert lebhaft. Pfeile und Stichworte werden rasch aufs Flipchart skizziert, während sich immer mehr das Ziel herausschält: Die zehnköpfige Gruppe möchte ein Tool speziell für junge Menschen entwickeln. Es soll zeigen, wie Algorithmen funktionieren und wie leicht man bei YouTube und Co. immer nur das serviert bekommt, was man eh hören und sehen möchte. Wie schnell man also gefangen ist in einer Social-Media-Bubble. Und wie oft Chatbots falsche Antworten ausspucken, weil KI Fehler macht. „Wir müssen Schülerinnen und Schüler anregen, aktiver mit Informationen umzugehen und sich nicht berieseln zu lassen“, sagt Steinvorth. Aber wie gelingt das, ohne die Kinder und Jugendlichen zu belehren? Einem Lehrer aus Stuttgart, der in der Runde sitzt und seine Perspektive aus dem Klassenzimmer einbringt, ist dieser Aspekt besonders wichtig. Vielleicht ein Game? Frage-Antwort-Spiel? Eine Geschichte erzählen? Die Gruppe will ein Drehbuch entwickeln, gleich nach dem Mittagessen. Die Uhr, sie tickt.

YOUniquehorns-CEO Benjamin Steinvorth und Volunteer Lillian Gottschalk, „Medienmäntor“ - Foto: Heekeren
KI-Expertin Barbara Lampl (links) und Politikberaterin Franzi von Kempis, „KI-Toolbox“ - Foto: Heekeren

Mehrere Mentorinnen und Mentoren sind den Teams zur Seite gestellt. Einer von ihnen ist Jens Mosthaf, Leiter des Govtech Campus Baden-Württemberg, der als gemeinnütziger Verein die Digitalisierung von Staat und Verwaltung vorantreibt. „Viele Teilnehmende sind nervös und fragen sich, was sie morgen überhaupt präsentieren können“, erzählt Mosthaf. „Die größte Herausforderung ist das Pitching“, sagt Alexandra-Irina Nicolae, KI-Expertin und ebenfalls Mentorin. „Wie verkauft man seine Ideen am besten bei der Jury?“ Muss dieser Zeit- und Konkurrenzdruck denn überhaupt sein? Mathias Lipp, der am Politechathon teilnimmt, findet: „Unbedingt.“ Und bringt es auf diese Formel: „Durch Wettbewerb und Stress entsteht Innovation.“

Michail Schuch, Mathias Lipp und Tobias Krammer, „VoterAI“, Gewinnerteam im Bereich Technologie - Foto: Heekeren
Carolin Stein (links) und Ina Ni vom FZI Forschungszentrum Informatik, „Wie tickt Tok?“ - Foto: Heekeren

Sprechender Wahl-O-Mat

 

Der Österreicher Lipp will den bekannten Wahl-O-Mat weiterentwickeln, bei dem man bisher bei den einzelnen Wahlbotschaften nur sehr statisch auf „Stimme ich zu“, „Sehe ich neutral“ oder „Stimme ich nicht zu“ klicken kann. Wie wäre es, wenn man stattdessen, wie bei einem Gespräch, nach seinen eigenen Interessen gefragt würde? Und die Antworten, besonders für Erstwählende, in leicht verständlicher Sprache daherkämen? Wie bei allen anderen Gruppen wurde auch Lipps Kernteam, mit dem er sich beim Politechathon angemeldet hat, um sogenannte Volunteers ergänzt, um Interessierte, die für frischen Input und neue Blickwinkel sorgen.

 

Auch Lena Beck und Jan Höllmer, Data-Scientists beim Unternehmen scieneers mit Sitz unter anderem in Karlsruhe, freuen sich über ihre beiden ehrenamtlichen Neuzugänge, eine Moderatorin und einen Kommunikationsfachmann: „Wir haben beide die technische Perspektive und denken immer in ähnlichen Mustern. Es ist super wertvoll, andere Sichtweisen im Team zu haben.“ Ihre Idee: eine Plattform entwickeln, die einfach und unkompliziert darüber aufklärt, welche typischen Methoden Verschwörungstheoretiker anwenden.

 

Zwischendurch ist auch das Fernsehen da, die großen Nachrichtensendungen im Ersten und Zweiten berichten über den Politechathon. Das Thema ist brisant in politisch aufgeheizten Zeiten. Zu Beginn des Bundestagswahlkampfs kursierte ein Deepfake im Netz: ein KI-generiertes Video, in dem Unions Kanzlerkandidat Friedrich Merz scheinbar die Zuschauenden beschimpft. Satire zwar, aber als solche für Ungeübte nicht sofort eindeutig zu erkennen. US-Präsident Donald Trump teilte im Wahlkampf mit KI erstellte Fake-Bilder, die vermeintlich zeigten, dass ihn die Sängerin Taylor Swift unterstütze. Kurz vor dem Politechathon ließ in Rumänien das Oberste Gericht die Präsidentschaftswahl annullieren, weil sie, so die Begründung, Ziel eines „aggressiven russischen hybriden Angriffs" geworden war: Der rechtsradikale, pro russische Präsidentschaftskandidat wurde auf Facebook und TikTok massiv von russischen Bots unterstützt.

Data-Scientists Jan Höllmer und Lena Beck von scieneers, „DesinfoNavigator” - Foto: Heekeren
Software-Entwickler Eric Prokop, EPNW GmbH, und Volunteer Vanessa Jeske, „Politinder“ - Foto: Heekeren

Politische Wimmelbilder

 

Dass Technologie für die Wählerinnen und Wähler aber auch von großem Nutzen sein kann, zeigt das Projekt „Zukunftsvisionen“ von Max Mundenke. Der KI-Berater und Entwickler aus Berlin visualisiert Wahlprogramme von Parteien mithilfe einer Künstlichen Intelligenz. Wie würde die Welt aussehen, wenn die Programme zu 100 Prozent umgesetzt würden? Es sind großstädtische Szenarien, die im Detail sehr unterschiedlich aussehen. Hier ein Meer aus Häusern mit begrünten Dächern, dort futuristische Kuppeln neben Fachwerk-Architektur, da eine große Autobahn mit Grenzübergang. Das Projekt hat etwas Spielerisches – mit gesellschaftlichem Nutzen: „Die meisten Menschen“, sagt Mundenke, „haben doch noch nie ein Wahlprogramm gelesen.“ Für die Programme der sechs wichtigsten Parteien bräuchte man zehn Stunden Zeit, hat er ausgerechnet. Seine Plakate zeigt er in Ausstellungen, sie bringen die Leute zum Nachdenken: Warum hat die KI dies oder jenes genau so dargestellt? Beim Gespräch darüber, so erzählt Mundenke, landet man automatisch bei politischen Inhalten. Dass die Parteien sehr wohl in ihren Programmen unterscheidbar sind, entgegen der landläufigen Meinung, zeigen die Bilder allein schon auf rein optischer Ebene. „Wenn es nur einen dazu bewegt, wählen zu gehen“, meint Mundenke, „dann bin ich schon glücklich.“

KI-Berater Max Mundhenke und Volunteer Feray Sezgin, „Zukunftsvisionen“ - Foto: Heekeren
KIT-Professor Gregor Betz und Volunteer Leonie Wahl, „EvidenceSeeker-Boilerplate“ - Foto: Heekeren

Wieder einen Raum weiter. Hier fliegen gerade die Argumente nur so durch die Luft. Grundsatzdebatte. Das Team „CampAIgn Tracker“ um die Wissenschaftler Simon Kruschinski von der Universität Mainz und Fabio Votta von der Universität Amsterdam entwickelt eine Plattform, die KI-generierte politische Kampagnen auf Social Media aufdecken soll. Die eine Seite des Teams gibt den Advocatus Diaboli: „Ist es nicht vielleicht auch legitim, für Wahlwerbung KI einzusetzen? Wo ist das Problem, wenn eine bildgenerierende Software auf Knopfdruck ein Plakat ausspuckt?“ Die anderen halten dagegen: „Na ja, aber wichtige Werte wie Authentizität werden doch auf den Kopf gestellt! Und Motive können stereotyp oder gar manipulierend sein.“

 

Genau dieses Spannungsfeld will das Team transparent machen: Auf einer interaktiven Website sollen Wählerinnen und Wähler nachvollziehen können, welche Partei KI-gestützte Bilder und Videos produziert hat, und selbst abwägen, wann ein Fall Grenzen überschreitet. „Wir können doch mit diesem Tool diese gesellschaftliche Diskussion viel besser führen“, ruft Votta aus. Das überzeugt die andere Seite. Alle beugen sich wieder über ihre Rechner. Stille. Tastaturklappern. Ein Schluck aus der Club-Mate- Flasche. Die fünf Teammitglieder ahnen noch nicht, dass sie später noch technische Schwierigkeiten bekommen, mit lästigen Bugs kämpfen werden, der Server abstürzt, die Nerven blank liegen, der nächtliche Schlaf dran glauben muss – und sich alles am Ende doch auszahlen wird.

Fabio Votta (links) von der Universität Amsterdam und Simon Kruschinski von der Universität Mainz, „CampAIgn Tracker“, Gewinnerteam im Bereich Medienkompetenz - Foto: Heekeren
Sozialwissenschaftlerin Antonia Briel (vorne), Lucia Purcaru und Guy, „Discourse AI“ - Foto: Heekeren

Zuversicht siegt

 

Sonntagmittag. 15 Minuten noch, dann muss das Konzeptpapier abgegeben sein, der Vortrag stehen. Im Foyer verteilt Benjamin Steinvorth überall kleine Zettel mit QR-Codes drauf. „Guerilla-Marketing“, sagt er und grinst. Das Ulmer Team hat es tatsächlich in den zwei Tagen geschafft, eine App für Kinder ab der 8. Klasse zu entwickeln, die spielerisch vermittelt, wie Filterblasen entstehen. „Medienmäntor.de“ haben sie das Ganze genannt, die QRCodes führen auf die Website. Ob das ankommt? Die Nervosität steigt. Gleich geht der Pitch los. Gong! Die Stoppuhr ist gnadenlos. Wer seine fünf Minuten Redezeit ausgereizt hat, dem wird das Mikrofon abgedreht. Am Ende der Vorstellungsrunde hat die Jury Zeit zur Beratung. Bis sie wiederkommt, dauert es eine Weile. Sehr viele Projekte haben überzeugt, die Auswahl der Siegerteams ist nicht einfach. Lena Beck vom Unternehmen scieneers ist erstaunt: „Cool zu sehen, was alle geschafft haben!“ Sie selbst begriff ihre Teilnahme eher als Testballon. „Um zu schauen, ob unsere Plattform zur Erkennung von rhetorischen Strategien überhaupt machbar ist“, sagt sie. „Wir haben bei null angefangen.“ Auch das durfte der Politechathon sein: ein Startschuss. Erste Schritte. Ein Labor. Die Data-Science-Expertin richtet den

 

Blick wieder auf die Bühne. Die Entscheidung steht an. Neben dem „CampAIgn Tracker“ zum Aufspüren digitaler Manipulation bei Wahlwerbung schafft es auch Mathias Lipp mit seiner Wahl-O-Mat-Idee aufs Siegertreppchen. „Es war großartig, Teil dieser Community zu sein“, sagt Lipp. „In meiner Heimat Österreich gibt es sowas kaum.“ Data-Scientist Jan Höllmer findet es beruhigend, dass die Pitches gezeigt hätten, wie ähnlich die Herausforderungen sind: „Wir können sie also auch gemeinsam lösen!“ Bestes Beispiel: Eines der Gewinnerteams bestand ursprünglich aus zwei unterschiedlichen Gruppen mit sehr ähnlicher Zielsetzung. Kurzerhand schlossen sie sich zusammen. Hat sich ausgezahlt. „Wir wünschen uns von euch, dass ihr mit euren Ideen schnell auf die Straße kommt“, ruft am Ende Jurorin und Start-up-Expertin Theresa Gröninger den Teilnehmenden zu. „Go for it!

Mercedes Scheible von der Universität St. Gallen und Gabor Hollbeck von der ETH Zürich, „Elect-o-mate“, Gewinnerteam im Bereich Inklusion - Foto: Heekeren
Foto: Heekeren