Denken, reden, hören, handeln!

Die Debattenkultur steht unter Stress. Schwarz-Weiß-Denken und rohe Umgangsformen im digitalen Raum polarisieren die Teilnehmer von Diskussionen. Die schiere Masse sowie die Unmittelbarkeit der Informationen überfordern. Aber es gibt sie, die Wege zu einer gelingenden Kommunikation – und zu Grundsatzdebatten, in denen tatsächlich Grundsätzliches besprochen wird und die zu wirklichen Problemlösungen führen.

André Boße

Treffen sich eine Tierschutzaktivistin, ein Masttierhalter, eine Politikerin und ein Vegan-Influencer in einem Fernsehstudio des SWR. Thema: Fleischkonsum. Das wird Zoff geben! Debatten übers Fleisch enden ja gern in der Überdramatisierung. Ein Beispiel aus dem Sommer 2023: Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung hatte gerade empfohlen, weniger Fleisch zu essen, der eigenen Gesundheit und der Umwelt zuliebe, da schrieb die BILD-Zeitung online von einem „brisanten Dokument“, das einen „radikalen Fleischverzicht“ nahelege. Politiker fragten daraufhin in sozialen Medien empört, warum den Menschen immer alles verboten werden solle! Von der Empfehlung bis zum vermeintlichen Verbot in nur wenigen Klicks. Im SWR-Studio passierte indes Erstaunliches. Die vier Diskutanten stritten sich und blieben hart in der Sache, arbeiteten bald aber gemeinsam an der Lösung ihres Problems. Sie waren nämlich im Studio eingeschlossen und mussten Aufgaben erfüllen, um den Weg hinaus zu finden. Kurz: Sie mussten ins Handeln kommen. Der Raum hieß das Format, das der SWR für die ARD-Mediathek produzierte. Eine Mischung aus Game- und Talkshow wie Hart, aber fair im Escape-Room. Wer das sah, erlebte Erkenntnisgewinne in einer hitzigen Debatte. Was auch daran lag, dass die Teilnehmenden mit Blick auf das gemeinsame Ziel aufeinander zugehen mussten. Zuhörten. Sachlich blieben. Kompromisse andachten. Verständnis füreinander entwickelten. Und tatsächlich Mittelwege fanden in der Frage, ob, wie viel und welches Fleisch wir essen sollten.

Simulierte Debatten

 

Eva Schulz, Moderatorin von Der Raum, erinnert sich gerne an das Format zurück, das den typischen Ablauf der Polit-Talkshows durchbrechen sollte. Schulz, 35, ist als Journalistin brennend an gelingender Kommunikation interessiert. Für ihre aktuellen ZDF-Reportagen Deutschland, warum bist du so? fährt sie durch die Republik, um das Land zu verstehen. Dabei erlebt sie, dass Debatten wie in Der Raum die Die Debattenkultur steht unter Stress. Schwarz-Weiß-Denken und rohe Umgangsformen im digitalen Raum polarisieren die Teilnehmer von Diskussionen. Die schiere Masse sowie die Unmittelbarkeit der Informationen überfordern. Aber es gibt sie, die Wege zu einer gelingenden Kommunikation – und zu Grundsatzdebatten, in denen tatsächlich Grundsätzliches besprochen wird und die zu wirklichen Problemlösungen führen. Ausnahme sind: „Weil es in vielen Bereichen der Öffentlichkeit nicht mehr um die Verständigung untereinander geht, sondern nur noch um die Verfestigung der Schwarz-Weiß-Konflikte.“

 

Fleisch essen, Klima schützen, Wirtschaft ankurbeln, Migration gestalten, Wohnraum schaffen, Energie bezahlbar halten, Sicherheit gewährleisten, innen wie außen – das sind alles unglaublich komplexe Themen, die oft auch noch zusammenhängen. Es ist wenig sinnvoll, sie nur emotional und in Schwarz-Weiß zu betrachten, und doch geschieht genau das. Im politischen Diskurs. In öffentlichen Debatten. Statt sachlich über Themen zu diskutieren, geht es oft sofort darum, dafür oder dagegen zu sein. Die Folge: „In der sogenannten kritischen Öffentlichkeit“, schreibt der Soziologe Armin Nassehi Mitte Januar in einem Spiegel- Beitrag, „wird die Auseinandersetzung nur noch simuliert.“ Häufig frei von Sachkenntnis. Hauptsache, die Haltung stimmt. Mit dem Ziel, „Unterschiede zu markieren und die Komplexität von Sachfragen geradezu zu vermeiden“. So aber, kritisiert Nassehi, bleiben wir „im Modus der Beliebigkeit“ von „Meinungen“ und „Überzeugungen“ stecken.

 

Die Frage, woran unsere Debatten kranken, treibt auch Eva Menasse um. Die Schriftstellerin, geboren in Wien und seit vielen Jahren in Berlin zu Hause, ist überzeugte Debattiererin. Zuletzt erschien von ihr Alles und nichts sagen, eine Analyse des Zustands von Debatten in der Digitalmoderne. Einer Gegenwart, in der soziale Medien die Kommunikation verändert haben, indem sie etwa eine „Illusion von Gleichzeitigkeit und Nähe“ vermitteln, wie es Menasse bezeichnet. Live-Ticker, Streaming-Bilder, Expertenmeinungen – die Welt ist zu einer nachrichtlichen Nussschale geworden. Ob etwas in Heidelberg, Heilbronn, Freiburg geschieht oder in Los Angeles, Kiew, Damaskus, macht im Internet kaum einen Unterschied. Die Unmittelbarkeit ist immer gegeben, das ist ja gerade die Idee des World Wide Web. Die Folgen: Überforderung, Verwirrung und Frust, eine „tsunamihafte“ Überwältigung, verbunden mit einer Art Bekenntniszwang, sagt Menasse: „Viele, die in sozialen Netzwerken unterwegs sind, fühlen sich gedrängt, sich zu allem und jedem sofort zu verhalten, eine Meinung abzugeben.“ Was dabei auf der Strecke bleibt, ist die Fähigkeit, Informationen einzuholen, die Ereignisse einzuordnen, mit Kontext zu versehen, schließlich zu bewerten – „also rennt man mit der Masse“, kritisiert Menasse. Häufig genug mit denjenigen, die vermeintlich leichte Antworten geben und sich moralisch entrüsten. Denn Empörung ist die Leitwährung im digitalen Raum. Wut geht viral. Das haben vor allem Populistinnen und Populisten verstanden.

Informationsmüll beseitigen

 

Rage Bait nennt man Inhalte, die bewusst darauf zielen, Wut zu schüren, wie etwa in der Debatte um den Fleischkonsum. Die Algorithmen der sozialen Medien sind so programmiert, dass sie diese Themen nach oben spülen. Empörung generiert Klicks. Die Folge: Man nimmt die Welt als polarisierter wahr, als sie eigentlich ist. Der digitale Eindruck überlappt die analoge Wirklichkeit. Befeuert wird dieser Prozess von einem rechtspopulistischen Zirkus, in dem Influencerinnen, Medienleute oder Politiker das, was wirklich passiert, zum Teil bewusst falsch interpretieren. Mit dem Wissen: Wer auf der Empörungswelle reitet, bekommt Aufmerksamkeit – und Oberwasser.

 

Steve Bannon, Donald Trumps Berater in dessen erster Amtszeit als US-Präsident und einer der Köpfe der Alternativen Rechten in den USA, nennt diese Strategie „flood the zone with shit“. Was so viel bedeutet wie die kommunikativen Räume mit Dreck zu überfluten. Zu Beginn von Trumps zweiter Amtszeit wird das besonders deutlich: Eine rechtswidrige Anordnung folgt auf die nächste, eine irre Idee folgt der anderen. Die Grenzen des Sag- und Machbaren werden dabei Schritt für Schritt weiter verschoben.