Die Menschenwürde wahren

Reinhold Boschki leitet an der Universität Tübingen die Forschungsstelle Elie Wiesel. Der Religionspädagoge erschließt mit einem internationalen Netzwerk die Werke des Holocaust Überlebenden und Friedensnobelpreisträgers – und erklärt, warum die Verbrechen des Nationalsozialismus nicht vergessen werden dürfen.

Sylvia Rizvi

Elie Wiesel galt als ein Botschafter der Menschlichkeit, des Friedens und der Versöhnung. So begründete auch das Nobelpreiskomitee seine Auszeichnung. Wer war dieser besondere Mensch?

Boschki: Eliezer „Elie“ Wiesel war ein jüdischer Schriftsteller, Gelehrter und Mahner gegen das Vergessen. Er wurde 1928 in Sighetu Marmației im heutigen Rumänien geboren und starb 2016 in New York. Als Jugendlicher wurde er nach Auschwitz deportiert. Seine Mutter und seine kleine Schwester wurden dort ermordet. Sein Vater starb im KZ Buchenwald. Wiesel hinterließ ein Werk, das bis heute für die Erinnerungskultur in unserem Land und in der Welt höchst relevant ist. Es bewahrt die Erinnerung eines Überlebenden an die Schrecken der NS-Zeit und zugleich eine Botschaft: Was damals geschah, darf nie wieder geschehen. Wir müssen eine Gesellschaft aufbauen, die unverrückbar die Würde aller Menschen in den Mittelpunkt stellt.

Wie kam es dazu, dass Sie Elie Wiesel Ihr Forscherleben widmen?

Boschki: In den 80er-Jahren begann ich zu studieren. In der Zeit begegnete mir Wiesels autobiografisches Buch Die Nacht. Darin schreibt er über Auschwitz, die seelischen und körperlichen Qualen, die Ermordung seiner Familie, das Überleben. Dieses Buch hat mich in besonderer Weise ergriffen, manchmal konnte ich vor Erschütterung kaum umblättern. Ich las weitere seiner Bücher, irgendwann sagte ich mir, ich muss diesen Botschafter der Menschlichkeit persönlich kennenlernen. Also packte ich meinen Koffer, reiste in die USA und studierte bei ihm an der Boston University. Wir trafen uns jede Woche für lange Gespräche, die ich auf Band aufzeichnete, übersetzte und publizierte. Auch meine Dissertation verfasste ich zu seinem Werk. Bis zu seinem Tod blieben wir in engem Kontakt. Ich sehe es als meinen Auftrag an, sein Gesamtwerk für die Nachwelt zu sichern. Deshalb bin ich an dieser Forschungsstelle nicht nur intellektuell, sondern auch mit ganzem Herzen beteiligt.

Die Forschungsstelle ist ein internationales und interdisziplinäres Netzwerk, das von der Baden Württemberg Stiftung gefördert wird. Wo liegen die Schwerpunkte?

Boschki: Wir kümmern uns mit Forscherinnen und Forschern aus den USA, Europa und Israel um die Schriften von Elie Wiesel. Er hat etwa 50 Bücher, darunter autobiografische Werke, Romane, Essays und Dramen, verfasst, die kaum mehr lieferbar sind. Wir editieren sie, um sie den kommenden Generationen zur Verfügung zu stellen. Ein weiterer Schwerpunkt ist Bildungsarbeit.

Wie erreichen Sie die Menschen am besten?

Boschki: Wir halten Vorträge, Lesungen und Workshops. Zudem erproben wir im Land eine akademische Zusatzqualifikation, die wir entwickelt haben: das Zertifikat „Bildung gegen Antisemitismus und antimuslimischen Rassismus“. Es soll auch als Zusatzstudium etabliert werden. Und wir konzipieren Unterrichtseinheiten für Schulen. In den Fächern Deutsch, Geschichte, Ethik oder Religion können Schülerinnen und Schüler zum Beispiel Die Nacht lesen. Oft melden sie zurück, dass sie zum ersten Mal die konkrete Biografie eines gleichaltrigen Jugendlichen vor Augen haben. Wiesel war 15 Jahre alt, als er nach Auschwitz deportiert wurde. Das ungeheure Geschehen, das man kaum in Zahlen einfangen oder erfassen kann, bekommt ein Gesicht. Das hat für die historisch-politische Bildungsarbeit eine enorm wichtige Wirkung.

Wir erleben einen Rechtsruck im Land, zuletzt bei der Bundestagswahl. Der Antisemitismus nimmt zu. Was können und müssen wir heute wieder von Elie Wiesel lernen?

Boschki: Sein Werk ist aus der Erfahrung des absolut Bösen entstanden. Es ist ein Plädoyer gegen jede Form von Menschenverachtung und Diskriminierung von Jüdinnen und Juden, aber auch von anderen sozialen, ethnischen oder religiösen Gruppen. Elie Wiesel hat in aller Welt Menschenrechte eingeklagt. Er hat gegen die Apartheid in Südafrika protestiert, gegen die Vernichtung von Miskito Indianern in Südamerika, gegen den Bürgerkrieg in Kambodscha. Und er trat an vielen Plätzen der Welt auf, wo die Würde des Menschen mit Füßen getreten wurde, und protestierte gegen die Ungerechtigkeit. Wir brauchen jetzt solche Stimmen. Aus dem rechtsradikalen Spektrum in unserem Land kommen sehr häufig menschenverachtende Töne. Dagegen zu protestieren, ist unsere Aufgabe. Die Beschäftigung mit Wiesels Werk kann eine Motivation sein.

Foto: Müller

Reinhold Boschki ist Professor für Religionspädagogik und Erwachsenenbildung an der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Tübingen. Dort leitet er die Forschungsstelle Elie Wiesel und forscht unter anderem zum Christlich-Jüdischen Dialog sowie zu Theologie und Religionspädagogik nach Auschwitz. Er veröffentlichte mehrere Bücher, darunter Elie Wiesel. Ein Leben gegen das Vergessen. Was ihm Mut macht: „Die Tatsache, dass sich so viele junge Menschen gegen Hass und Hetze und für eine demokratische, menschenwürdige Gesellschaft einsetzen.“