Ein Bild von einem Land

Wo entsteht Zuversicht? Was gibt Vertrauen in die Zukunft? Wo finden sich positive Bilder, die Gemeinschaft, Gelassenheit und Gelingen zeigen? Das haben wir zehn Fotografinnen und Fotografen aus dem Südwesten gefragt. Ein optimistischer Blick auf Baden-Württemberg 2025.

 

Anne-Sophie Stolz

 

Vor ein paar Jahren kaufte mein Vater eine von Brombeerhecken überwucherte Wiese, mitten im Nichts. Stirnrunzelnd betrachteten wir in der Familie die ersten Handyfotos davon. Seinen Tatendrang und auch sein handwerkliches Geschick hab ich schon immer bewundert. Aus dem unwegsamen Gelände wurde eine wilde Streuobstwiese – mit einem selbstausgebauten Bauwagen darauf. Ein klares Ziel vor Augen zu haben und das Glück, mit den Händen etwas zu erschaffen, sind wichtige Bausteine, um solche Projekte voranzutreiben. Heute ist die Forsythie die erste Blüte, die mit ihrer knallgelben Pracht den Frühling ankündigt – und die Schaffenslust aufs Neue ankurbelt.

 

 

 

Brigida González

 

Vom Verschwinden der Ferne oder zurück in die Zukunft: Diese verheißungsvolle Vorstellung erzeugt dieses Stück Architektur bei mir. Der helle Raum des Stadtbahntunnels Karlsruhe, entworfen vom Architekturbüro allmannwappner, strahlt förmlich das Gegenteil dessen aus, was wir sonst mit dem dunklen Untergrund verbinden: Ruhe und Offenheit. Die poetische Lichtinszenierung von Ingo Maurer deutet auf unglaublich schöne und subtile Weise die Funktion der neu geschaffenen Haltestationen an: Die ein- und ausfahrenden Bahnen werden durch die lineare und fein rhythmisierte Anordnung der Leuchten visualisiert. Besser können Beschleunigung und Bewegung nicht aussehen.

 

 

 

Ilkay Karakurt

 

Dieses Bild ist ein Nebenprodukt meiner Arbeit über Vaterschaft – und doch passt es auf einer tieferen Ebene zum Thema Zuversicht. Ich habe mich mit den Erfahrungen, Ängsten und Erwartungen von Vätern auseinandergesetzt und begleitete sie dafür in ihrem Alltag, darunter einen Landwirt mit fünf Kindern. Eine seiner Töchter lief unermüdlich neben mir her, zeigte mir voller Stolz den Hof, die Tiere, ihre Welt. Dann hob sie zwei große Schnecken auf, ohne Zögern, ohne Ekel. Während sie mir von Pflanzen und Insekten erzählte, trug sie die Schnecken behutsam umher. Ihr Blick auf die Welt war offen, unbefangen, neugierig. Vielleicht ist es genau das, was ich wieder lernen muss: den kleinen Dingen in meiner Umgebung mehr Beachtung zu schenken.

 

 

 

Verena Müller

 

Im Rahmen eines Zeitungsauftrags durfte ich Goldschmiedinnen und Goldschmiede in einem Atelier in Schwäbisch Gmünd kennenlernen. Dieses Foto verkörpert für mich das Thema Zuversicht auf vielfältige Weise. Zuversicht bedeutet für mich vor allem, Freude am eigenen Schaffen zu haben. Die große Leidenschaft, mit der die Menschen hier im Atelier arbeiten, hat mich sehr begeistert: ihre hohe Handwerkskunst, ihr Auge für Ästhetik, ihre Liebe zum Detail. Darüber hinaus kann Zuversicht auch bedeuten, Vertrauen in den Prozess zu haben. Das Foto zeigt diesen Moment der Transformation: vom rohen Material in ein einzigartiges Schmuckstück.

 

 

 

Daniel Schreiber

 

Vor zehn Jahren organisierte eine kleine Gruppe junger Menschen in Heidelberg mit wenigen Mitteln, aber viel Herzblut in einem Abrissgebäude ein Kunstevent. Daraus entstand – in Zusammenarbeit mit der Stadt, vielen Sponsoren und Freiwilligen – eines der bedeutendsten Festivals für Streetart in Europa. Das Metropolink Festival schafft Jahr für Jahr Raum für kreative Entfaltung. Die Kunst im urbanen Raum zeigt, dass Veränderung möglich ist, und macht Mut, die Zukunft aktiv mitzugestalten. Das Bild wurde inmitten der Innenstadt aufgenommen, auf einer ansonsten wenig genutzten Fläche, die im Zuge des Festivals zu einem Ort der friedlichen, offenen Begegnung wird.

 

 

 

Berthold Steinhilber

 

Das Bild zeigt Ausgaben des Grundgesetzes im Büro von Dr. Ulrich Maidowski, Richter am Bundesverfassungsgericht in Karlsruhe. Allen Schülerinnen und Schülern, die das Bundesverfassungsgericht besuchen und mit ihm sprechen, schenkt er ein Grundgesetz. In diesen Tagen ist es gut zu wissen, dass es Menschen wie ihn gibt, die ihr Amt mit Sorgfalt ausüben und denen Demokratie wichtig ist. Ein gemeinschaftliches Zusammenleben auf Basis unseres Grundgesetzes wollen die meisten Menschen, auch jene, die zuletzt aus unterschiedlichen Gründen den demokratischen Parteien ihr Vertrauen entzogen haben. Ich bin zuversichtlich, dass es gelingt, einen Großteil von ihnen zurückzugewinnen.

 

 

 

Annette Cardinale

 

Dieses Bild weckt in mir die Sehnsucht, selbst auf diesem Stuhl zu sitzen, mitten im Dschungel. Fast 40 Jahre alt sind die Bäume im Sonnenwendelhaus in Tübingen – eine Kombination aus Wohn- und Gewächshaus. Ein Pionierprojekt, mit dem sich die Familie Wendel, unterstützt von Architekt Peter Hübner, einen Traum erfüllte. Ihr Energiesparhaus kommt ohne Hightech aus, betrieben allein mit der Kraft von Wind und Sonne. Ich fand das Raumklima dort unglaublich toll. Das Haus ist in den Hang gebaut, das Erdreich kühlt im Sommer und wärmt im Winter. So etwas hat noch nie jemand gebaut! Dieser Mut inspiriert mich. Ich würde auch gerne so wohnen, aber bei mir überlebt nicht einmal ein Kaktus.

 

 

 

Günther Bayerl

 

Der Bibliothekssaal des Klosters Wiblingen, einer ehemaligen Benediktinerabtei bei Ulm, zeugt von menschlicher Weisheit und unserem reichen kulturellen Erbe. In seinen Regalen ruht eine umfangreiche Sammlung geistlicher Texte aus allen Religionen – ein Symbol für die universelle Suche nach Erkenntnis. Doch der Erhalt dieses Kulturdenkmals, eines Prestigebaus des Rokoko, ist auch eine Herausforderung: Der Denkmalschutz bewahrt solche Schätze für kommende Generationen, trifft dabei aber oft auch auf Widerstand. Dennoch bleibt die Bibliothek ein Ort, an dem Wissenschaft und Religion sich begegnen. Ein Raum der Zuversicht – in die Kraft des Wissens und der Geschichte.

 

 

 

Ines Janas

 

Für eine Reisegeschichte war ich auf der Bodenseeinsel Reichenau unterwegs. Die Aufnahme entstand nebenher, als ich für mich selbst fotografiert habe. Der Schmetterling flog immer wieder ins Bild und irgendwann blieb er in einem Gemüsebeet auf einem jungen Kohlblatt sitzen. Ich mag das pure Weiß und das minimalistische Muster des Schmetterlings: zurückhaltend und doch unverkennbar vor dem Hintergrund des grünen Gemüsebeets. Der Schmetterling sieht so leicht und klar aus. Dieses Bild und die Natur, ihr Weitermachen und ihr Weiterwachsen, symbolisieren für mich Resilienz, Freiheit und Zuversicht.

 

 

 

Raissa Axmann und Simon Rottler

 

Vor kurzem haben wir die Arbeitsabläufe in der Uhrenfabrik Junghans begleitet. Um die Manufaktur vor Staub zu schützen, mussten wir Haarnetze und spezielle Kleidung tragen und durften nichts berühren. Das Beeindruckende für uns war, wie akribisch hier noch per Hand gearbeitet wird – und nur so die höchste Qualität erreicht werden kann. Eine romantische, mutmachende Vorstellung, dass keine Maschine an die handwerklichen Fähigkeiten des Menschen heranreicht und die Uhren am Ende trotzdem bezahlbar bleiben. Denn Junghans ist keine Luxusmarke mit abgehobenen Preisen. Es ist schön, dass es hier noch Ersatzteile gibt und generationenalte Uhren repariert werden können. Zeitlose Uhren sozusagen.