Ein Vierteljahrhundert Zukunft

Es ist eine gute politische Tradition in Baden-Württemberg, die Lösung wichtiger Zukunftsfragen gemeinsam anzugehen. Seit 25 Jahren nutzt die Baden-Württemberg Stiftung diese Kraft der Zusammenarbeit, um das Land voranzubringen. Dabei war ihre Gründung alles andere als selbstverständlich. Ein Blick zurück und nach vorn.

Benno Stieber

ZU-VER-SICHT. In großen Lettern strahlen die drei Silben, die auf dem Schaufenster in der Kriegsbergstraße 42 stehen, den Passantinnen und Passanten schon von Weitem entgegen. Zwischen Stuttgarter Hauptbahnhof und Universitätsgebäude, also mitten im Leben der Landeshauptstadt, hat die Baden-Württemberg Stiftung ihren Sitz. Der große Schriftzug vermittelt anschaulich die Haltung der Landesstiftung: In unruhigen Zeiten setzt sie der „German Angst“ Optimismus und „Zuversicht made in Baden-Württemberg“ entgegen. Soll heißen: Hier werden neue Wege erforscht, die in eine gute Zukunft für die Menschen führen, hier wird Festgefügtes aus anderen Perspektiven betrachtet.

Diese Ausrichtung einer Landesstiftung auf die Zukunft ist deutschlandweit einzigartig. In anderen Bundesländern fördern landeseigene Stiftungen Kultur und Heimat. Aber auch wenn man in Baden-Württemberg viel Sinn für Tradition hat, weiß man nur zu gut: Beständig ist nur eines, der Wandel. Er kommt, auch wenn man versucht, ihn zu ignorieren. Besser ist es, über die alltäglichen politischen Routinen und Begrenzungen sowie über die Legislaturperiode hinauszudenken und sich an die Spitze neuer Entwicklungen zu setzen. Erwin Teufel, von 1991 bis 2005 Ministerpräsident von Baden-Württemberg, hatte vor 25 Jahren die Idee, eine unabhängige und überparteiliche Stiftung zu gründen, die Wandel selbst gestaltet: in der Spitzenforschung, in der Bildung sowie in Gesellschaft und Kultur. Sie sollte Zukunftstechnologien fördern, den internationalen Austausch von Studierenden und Berufstätigen vorantreiben, auf gesellschaftliche Herausforderungen frühzeitig und wissenschaftlich fundiert reagieren. Mit dem Ziel, ein lebendiges und lebenswertes Baden-Württemberg zu sichern.

 

Eine Milliarde Euro fürs Land

Es ist eigentlich gar nicht so überraschend, dass es vor einem Vierteljahrhundert ausgerechnet Erwin Teufel war, der in einem glücklichen politischen Moment die Gelegenheit ergriff, diese Zukunftsschmiede zu gründen. So bodenständig wie Teufel selbst war auch die Grundidee: Vermögen über Generationen hinweg zu erhalten und aus den Erträgen etwas zurückzugeben. Im Jahr 1999 hatte das Land seine Anteile am Energiekonzern EnBW im Wert von rund 4,7 Milliarden DM verkauft. Eine Menge Geld. Hätte man es – dem Entschuldungszeitgeist der Nullerjahre folgend – einfach in die Staatskasse fließen lassen, wäre das Geld längst vollständig ausgegeben.

Teufel hatte andere, heute würde man sagen, nachhaltigere Pläne: „Die EnBW war das Vermögen des Landes und damit das Vermögen seiner Bürgerinnen und Bürger. Wir wollten für das Land einen gleich großen Vermögenswert an die Stelle der EnBW setzen.“

Kein ganz unwichtiger Aspekt dabei: Auch eine Landesregierung zahlt nicht gerne Steuern. Gebunden in der Stiftung blieb das Kapital vollständig erhalten. Ihr Vermögen in Höhe von rund 2,3 Milliarden Euro hat die Baden-Württemberg Stiftung seither im Wesentlichen in Investmentfonds, Immobilien und Unternehmensbeteiligungen investiert. Rund 40 Millionen Euro betragen die Gesamterträge pro Jahr, mit denen die gemeinnützigen Programme und Projekte finanziert werden. Seit ihrer Gründung hat die Baden-Württemberg Stiftung mehr als eine Milliarde Euro ins Land investiert.

Erwin Teufel war von 1991 bis 2005 Ministerpräsident von Baden-Württemberg. Seine Karriere begann er als Bürgermeister von Spaichingen – von 1964 bis 1972. Teufel war über 30 Jahre Mitglied des Landtags von Baden-Württemberg und von 1978 bis 1991 CDUFraktionsvorsitzender. Als Ministerpräsident setzte er wichtige Reformen um, darunter die Fusion von Energieversorgern und der Rundfunkanstalten.
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Die ENBW war das Vermögen des Landes und damit das Vermögen seiner Bürgerinnen und Bürger.

Erwin Teufel

Start-up für Zuversicht

Auch wenn heute fast alle Fraktionen im Landtag hinter der Stiftung stehen – im Gründungsjahr war das Projekt umstritten, erinnert sich Erwin Teufel. Milliarden wecken Begehrlichkeiten. Die damaligen Parlamentarierinnen und Parlamentarier aus Regierung und Opposition haben zudem der Stiftungskonstruktion misstraut: „Im Kern ging es um die Befürchtung, die Stiftung könnte als Selbstbedienungskasse der Regierung dienen“, erinnert sich Teufel. „Die Widerstände waren nicht unbedeutend.“

Teufel berief mit Claus Eiselstein einen verlässlichen Beamten seines Hauses als ersten Geschäftsführer der Stiftung. Zusammen mit dem Ministerpräsidenten entwickelte Eiselstein das inhaltliche Programm und erarbeitete entsprechend der Satzung wasserdichte Richtlinien, wofür und zu welchen Bedingungen Geld ausgegeben wird. Der Schwerpunkt sollte auf eigenen Programmen liegen, es sollte also keine Art Nebenhaushalt entstehen, aus dem sich die Landesregierung bedienen kann. Eiselstein scharte ein junges Team um sich, mietete Räume an, kaufte selbst das erste Büromaterial ein. Es herrschte Start-up Stimmung, erzählt er. Und kaum war die Stiftung gegründet, lagen schon erste Anträge vor. Nur drei Monate später bewilligte die Stiftung erste Mittel.

Die überparteiliche Stiftungsarbeit überzeugte auch die politischen Kritiker von damals. Ministerpräsident Winfried Kretschmann ist heute nicht nur der Vorsitzende des Aufsichtsrats, sondern inzwischen auch ein großer Fan der Stiftung, die mehr Spielräume habe als Politik und Verwaltung: „Sie ist eine Zukunftswerkstatt, die aktuelle Impulse in Gesellschaft und Kultur, bei der Bildung und auch in der Spitzenforschung schnell aufnehmen und neue Wege erproben kann.“ Das macht sie zu einer Zuversichtsfabrik im Sinne von Kretschmanns Hausphilosophin Hannah Arendt, die sagte, dass Menschen Wunder vollbringen können, wenn sie zusammen handeln, und damit die Zukunft gewinnen.

Winfried Kretschmann, geboren in Spaichingen, ist der erste und bisher einzige grüne Ministerpräsident Deutschlands. Als Mitbegründer der Partei Bündnis 90/Die Grünen begann der studierte Bio- und Ethiklehrer Anfang der 1980er-Jahre seine politische Karriere. Seit 1988 gehört Winfried Kretschmann mit einer Unterbrechung dem Landtag von Baden-Württemberg an. 2002 wurde er zum Fraktionsvorsitzenden seiner Partei gewählt und blieb dies bis zu seiner Wahl zum Ministerpräsidenten 2011. Seine dritte Amtszeit endet 2026.
Foto: Müller
Die Baden-Württemberg Stiftung ist eine Zukunftswerkstatt, die neue Wege erproben kann.

Winfried Kretschmann

Zukunft im Zusammenspiel

In seinem Politikstil knüpft Kretschmann in manchem bewusst an Erwin Teufel an, zum Beispiel was die Wahl politischer Instrumente und die überparteiliche Zusammenarbeit angeht. Teufel berief schon in den 1990er-Jahren eine Zukunftskommission ein, die damals Themen auf die politische Tagesordnung setzte, die uns noch heute beschäftigen: die Integration einer steigenden Zahl von Migrantinnen und Migranten etwa. Auch regte die Kommission eine stärkere Beteiligung der Bürgerinnen und Bürger an der Politik an. Eine Wurzel, aus der sich weiterentwickelte, was Winfried Kretschmann eine „Politik des Gehörtwerdens“ nennt: eine verbindliche Beteiligung von Bürgerinnen und Bürgern an strittigen politischen Prozessen.

Kretschmanns Regierung organisierte auch Strategiedialoge, um Politik, Unternehmen, Wissenschaft, Verbände und Bürger an einen Tisch zu bringen und so Zukunftsfragen der Automobilindustrie, der Landwirtschaft oder von Bauen und Wohnen konstruktiv anzugehen. Eine Fülle von Anregungen, aus denen auch die Baden-Württemberg Stiftung schöpft. Zugleich setzt sie selbst wichtige Impulse für das Regierungshandeln. Ein Beispiel ist die Kommission „Sicherheit im Wandel“ aus dem Jahr 2018. Schon damals erarbeitete sie im Auftrag der Stiftung 55 Handlungsempfehlungen, wie die liberale Demokratie auf die Verunsicherung der Gesellschaft etwa durch Globalisierung, Digitalisierung, Migration und Klimawandel reagieren kann.

Schwer vorhersehbare Krisen wie die Integration von hunderttausenden Geflüchteten aus Syrien und der Ukraine, die Corona-Pandemie, der Strukturwandel in der Industrie: All das hinterlässt in einer Gesellschaft Spuren, die sich gerade auch in den Programmen einer an Zukunft orientierten Stiftung wiederfinden müssen. Die Stiftungsarbeit, so sagt es Erwin Teufel, müsse die „seelische Temperatur einer Gesellschaft“ abbilden.

 

Innovativ handeln

Im vierten Stock des Gebäudes in der Kriegsbergstraße sitzt Theresia Bauer, die Geschäftsführerin der Baden-Württemberg Stiftung, in ihrem Büro. Sie hat den Posten im Juni 2024 von Christoph Dahl übernommen, der die Stiftung 14 Jahre lang erfolgreich geleitet hat. Als einen der schönsten Jobs überhaupt, findet Bauer: „Zusammen mit inspirierenden Menschen und gemeinsam mit meinem Team kann ich Ideen, die an uns herangetragen werden, ermöglichen.“ Natürlich müsse sie auch oft Nein sagen. Aber das Ziel sei immer, das Besondere und Innovative aufs Gleis zu setzen.

Aus ihrer Zeit als Wissenschaftsministerin des Landes weiß sie, dass die breite Aufstellung der Stiftung im Vergleich zu den klar eingegrenzten Zuständigkeiten der Ministerien und Behörden eine große Stärke bedeutet: „Oft sind es die Zuständigkeitsgrenzen, die flexibles Handeln und Out-of-the-Box-Denken in der politischen Umsetzung und in der Verwaltung behindern.“ Die Stiftung kann etwa aus eigener Kraft ein Programm zur Einsamkeit junger Menschen aufsetzen – ein Thema, für das neben dem Kultusministerium auch das Sozial- und das Justizministerium sowie die Städte und Gemeinden zuständig sind – und die zuständigen Stellen in den Ministerien und Kommunen dann mit ins Boot holen.

Breit aufgestellt sein bedeutet auch, dass sich die Programme an viele unterschiedliche Menschen richten. Vom Baden-Württemberg-STIPENDIUM für Studierende und junge, nicht-akademische Berufstätige über das Schülerstipendium Talent im Land und Projekte mit Straffälligen bis hin zur Unterstützung von Menschen mit Behinderungen: Die Maßnahmen fördern in einer Welt, die sich rapide ändert, Chancen für alle. Viele der Programme werden wissenschaftlich begleitet. So entsteht Zuversicht im Südwesten. Technische Fragen mit gesellschaftlichen zu verbinden – auch das kann die Stiftung besser als andere Institutionen des Landes. Erst kürzlich kamen Fachleute aus Technologie, Politik, Kommunikation und Zivilgesellschaft zum ersten Politechathon Deutschlands zusammen, um konkrete Lösungen zu erarbeiten, wie Künstliche Intelligenz Demokratie besser machen kann.

Eines der ersten Themen, das die Stiftung vor 25 Jahren anging, war die gezielte sprachliche Förderung von Grundschulkindern. Heute ist für die grün-schwarze Regierung systematische Sprachförderung in der frühkindlichen Bildung das zentrale Mittel, um möglichst hohe Chancengleichheit der Kinder unabhängig von ihrer Herkunft zu ermöglichen. Als Konzepte gesucht wurden, erinnerte sich in der politischen Administration zunächst kaum mehr jemand an das Stiftungsprojekt, sagt Bauer. Und manche Erkenntnisse gelangen nicht automatisch zu denjenigen, für die sie eigentlich gedacht sind. Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler gingen häufig davon aus, dass der Wissenstransfer zur Praxis schon mit der Veröffentlichung der Forschungsergebnisse erreicht sei, beobachtet Bauer. Im Erkenntnis-Management sieht die Geschäftsführerin deshalb eine wichtige Aufgabe. Eine Möglichkeit sei, die Adressaten der Forschung gleich beim Start eines Projekts miteinzubeziehen: „Reallabore“ seien eine Methode, so Bauer, Berührungsängste zwischen Akteuren abzubauen.

Wenn es also stimmt, dass nur der Wandel beständig ist, dann muss sich die Stiftung kontinuierlich selbst hinterfragen und verändern. Dass ihr dies immer wieder gelungen sei, sagt ihr Gründer Erwin Teufel, „mache sie heute zu einem nicht mehr wegzudenkenden Akteur im Land“.

Theresia Bauer ist seit Juni 2024 Geschäftsführerin der Baden-Württemberg Stiftung. Von 2001 bis 2024 war sie Abgeordnete des Landtags von Baden-Württemberg für den Wahlkreis Heidelberg. Sie war von 2011 bis 2022 Ministerin für Wissenschaft, Forschung und Kunst des Landes Baden-Württemberg. Zuvor war sie von 1995 bis 2001 Geschäftsführerin der Heinrich-Böll-Stiftung Baden-Württemberg.
Foto: Beekmann
Leider ist nicht für alles Geld da. Das Ziel ist aber immer, Innovatives auf den Weg zu bringen.
Theresia Bauer