Sie beschäftigen sich in Ihren Werken häufig mit Menschen in schwierigen Lebenslagen. Was
interessiert Sie daran?
Fingscheidt: Sowohl in Systemsprenger als auch in The Outrun kämpfen Menschen mit ihren eigenen Dämonen. Ich finde es wahnsinnig interessant, wenn Menschen an sich selbst scheitern. Deshalb lande ich auch immer wieder bei Geschichten über innere Konflikte – gerade auch fürs Kino. Helden, die gegen das Böse kämpfen, sind mir einfach nicht so nah.
Die Protagonistinnen und Protagonisten in Ihren Filmen versuchen, diese inneren Konflikte zu lösen. Wie wichtig ist die Überzeugung, dass man es auch schaffen kann?
Fingscheidt: Man kann innerhalb seiner Möglichkeiten versuchen, Dinge zu verändern und so positiven Einfluss nehmen. Aber nicht jedem ist alles gegeben. Benni aus Systemsprenger ist ein gewalttätiges neunjähriges Mädchen, das wieder bei seiner Mutter sein will. Sie wehrt sich gegen das System der Jugendhilfe und fliegt aus allen Pflegefamilien oder Wohngruppen. In ihrer Logik ist das der einzige Weg zurück zur Mutter. Sie hat viel weniger Handlungsoptionen als zum Beispiel die erwachsene Figur von Rona in The Outrun, die sich entschließt, in der Isolation ihren Alkoholismus zu bekämpfen. Ich persönlich glaube, dass gerade auch aus schwierigen Situationen Lösungen entstehen können, die im Nachhinein für irgendetwas gut sind. Negative Erfahrungen können etwas Positives in Gang setzen. Das ist zumindest mein Überlebensmotto.
Kann man als Filmemacherin auch Dinge zum Besseren wenden?
Fingscheidt: Das ist nicht mein Anspruch. Wenn man die Welt verbessern möchte, sollte man etwas anderes als Kino machen, das sich ja im Wesentlichen nur um sich selbst dreht. Ich möchte zuallererst eine Geschichte erzählen, die mich und andere Menschen berührt. Wenn das bei einzelnen Menschen dazu führt, dass sie die Perspektive anderer Menschen besser verstehen, dann ist diese kleine Horizonterweiterung natürlich toll.
Ihre Filme entstehen oft unter extremen Bedingungen wie zuletzt inmitten der Wildnis einer schottischen Insel. Wie gehen Sie mit Schwierigkeiten am Set um?
Fingscheidt: Filmemachen geht nicht ohne Grundoptimismus und den Glauben daran, dass man das trotz aller Schwierigkeiten schon irgendwie hinkriegt. Durch diese Einstellung entstehen eine schöne Energie und eine gute Dynamik, die sich auf das Team übertragen. Film ist ja ein Gemeinschaftswerk. Meine Herangehensweise ist: Keine Ahnung, wie wir auf den Berg raufkommen, aber lass mal loslaufen! Daraus ziehe ich eine irre Kraft.
Woher kommt Ihr Grundoptimismus?
Fingscheidt:Von meiner Mutter. Abgeschaut, anerzogen oder vererbt – keine Ahnung.
Wie hat der Erfolg Ihre Arbeit beeinflusst?
Fingscheidt: Ich mache Filme, seit ich 20 Jahre alt bin. Mit 25 Jahren habe ich angefangen, Regie zu studieren. Mit 27 bin ich zum ersten Mal Mutter geworden. Inzwischen habe ich drei Kinder. Meine Karriere war kein kometenhafter Aufstieg. Es hat alles wahnsinnig lange gedauert. Als Systemsprenger nach jahrelanger Vorarbeit 2019 Premiere hatte, war ich schon 36 Jahre alt. Gott sei Dank, sonst hätte mich der Erfolg vielleicht aus der Bahn geworfen. Aber weil ich davor schon so lange im Geschäft war, weiß ich immer noch ganz genau, wie es ist, keine Antwort von Sendern zu bekommen, wenn Förderungen abgesagt werden oder Leute dem Stoff des Films keine Chance einräumen. Aber wenn eine Geschichte aus meiner Sicht erzählt werden muss, bleibe ich dran – gegen alle Widerstände, auch wenn es Jahre dauert.
Sie nehmen nach der Geburt Ihres dritten Kinds gerade eine Auszeit. Wie ist das für Sie?
Fingscheidt: Meine Auszeit wäre für andere ein Halbtagsjob. Ich lese immer noch Drehbücher, treffe Leute und denke über Geschichten nach. Als Regisseurin hat man total verrückte Arbeitszeiten. Davon wollte ich mich zumindest für eine Zeit lang befreien. Kinder haben und Kinder großzuziehen, ist total inspirierend. Man entdeckt die Welt nochmal neu, nimmt andere Blickwinkel ein und stellt viel infrage. Das finde ich super. Kinder sind auch ein Produkt von Zuversicht. Wenn man die Zukunft nur düster sieht, dann setzt man auch keine Kinder in die Welt. Für mich ist es schön, mit Kindern Zukunft zu denken und sich zu überlegen, was wir noch alles machen können.